Digitaler Tagelöhner

Der Begriff des Tagelöhners ist eigentlich aus dem deutschen Sprachgebrauch verschwunden.  Normalerweise steht er für eine unqualifizierte Arbeitskraft, die Arbeitsleistung tageweise an einem Arbeitsgeber vergibt. Assoziationen die mit diesen Begriff einhergehen sind: fehlende soziale Absicherung, Ausbeutung, Entrechtung. Doch das Bild hat sich gewandelt und auch der Begriff. Im digitalen Zeitalter ist es möglich Heimarbeit auf ein neues Niveau zu heben. Zunächst erscheint das Angebot vielversprechend: am heimischen Computer werden Aufträge sondiert, nach Interesse und Zeitkapazitäten bearbeitet.  Verschiedene seriöse und weniger seriöse Dienstleistungsvermittler tummeln sich am Markt und versprechen das schnelle Geld.

 

Wie funktioniert ein Textbroker

Freier Autor, Freelancer oder ähnliche Begriffe stehen für Menschen, die auf solchen Plattformen versuchen ihr täglich Brot zu erwerben. Ich gehöre zu diesen Personen. Als Nebentätigkeit schreibe ich für Blogs über Gott und die Welt, für Shops verfasse ich verkaufsfördernde Produktbeschreibungen oder für Apotheken kurze Abhandlungen zu Krankheiten. Doch wie funktionieren diese Handelsbörsen. Die Internetseite der Unternehmen dient als Handelsplatz. Dort werden Aufträge vermittelt und die Qualitätssicherung durchgeführt, dafür erhält der Dienstleistungsvermittler wiederum einen Teil der Provision. Der eigentliche Tauschhandel findet zwischen Autor und Auftraggeber statt. Der Auftraggeber möchte ein möglich hohes Ranking bei Google erreichen. Denn Google ist für die Mehrheit der Internetnutzer das Zugangstor zum Internet. Mehr als 91 Prozent aller Suchmaschinenanfragen laufen über den Internetriesen. Wer bei Google unsichtbar ist, ist für die meisten Menschen unsichtbar. Es gab und gibt verschiedene Möglichkeiten sein Ranking bei Google zu verbessern. Viele dürften sich noch an die Link Farmen erinnern. Internetseiten die aus einigen beliebten Schlagwörtern und Links bestanden, die immer wieder auf ähnlichen Seiten mit noch mehr Links führten. Der Mehrwert für den Nutzer ging gegen Null und nur die Betreiber profitierten von den Klickzahlen und den damit verbundenen Werbeeinnahmen. Eine weitere Möglichkeit ist ein besseres Ranking ist Geld, doch für einen kleinen E-Shop oder Blog dürfte der Kostenaufwand in keinen Verhältnis zum Gewinn stehen. Bleibt als letzte Möglichkeit durch „hochwertigen“ Inhalt Besucher auf seine Seite zu locken. Der Trick dabei ist eine geschickte Mischung aus Schlagwörtern, die häufig gesucht werden, und „einmaligen“ Content. Einmalig ist hier zu recht in Anführungszeichen gesetzt. Der Google-Algorithmus bewertet die Häufigkeit eines Textes. Wer auf seinen Blog nur Kopien von Wikipedia einstellt, wird dafür von Google mit einer schlechteren Platzierung abgestraft. Deswegen konnten sich solche Textbörsen überhaupt etablieren. Der kleine Blogbetreiber möchte mit einem überschaubaren Aufwand Inhalt für seine Webseite erstellen lassen. Dafür gibt er das Thema mehr oder weniger Präzise vor und bezahlt den Auftragnehmer pro Wort. Dieser versucht die Vorgabe zur Zufriedenheit des Auftraggebers umzusetzen, zumeist indem er einfach die wichtigen Informationen auf anderen Internetseiten sucht und daraus einen neuen Text erstellt. Wenn der Auftraggeber mit dem Ergebnis zufrieden ist, erhält der Autor sein Gehalt auf seine virtuelle Sparbüchse überwiesen. Dafür gibt er auf alle Ewigkeit die Rechte an seinem Text ab.

 

Verdienstmöglichkeiten

Jedem sollte klar sein, dass das Versprechen vom großen Geld ein leeres Versprechen ist. Einige wenige schaffen es tatsächlich sich einen besonderen Rang zu erarbeiten und damit ein vernünftiges Einkommen zu erwirtschaften. Das Hauptproblem ist das klassische Kapitalismusproblem. Es handelt sich dabei um einen freien Markt. Jeder kann Aufträge einstellen, jeder kann sie bearbeiten. Doch das Angebot übersteigt die Nachfrage und so sehen die Handelsplätze zeitweise sehr leer aus. Daraus resultiert, dass Autoren gezwungen sind jeden Auftrag anzunehmen, unabhängig davon ob der Zeitaufwand im Verhältnis zum Verdienst steht. Als weiterer Faktor der negativ auf den Verdienst wirkt ist die Qualitätseinstufung des Freelancers. Selbst einfachste Artikel im eigenen Fachbereich erzeugen Rechercheaufwand. Ich selber bin auf content.de Autor mit einer 4 Sterne Einstufung. Dadurch kann ich alle Aufträge von 2 bis 4 Sterne annehmen. Manchmal ist die Angebotssituation so schlecht, dass selbst ein 2 Sterneauftrag angenommen werden muss. Ich sollte für einen Auftraggeber einen Lexikonartikel schreiben. Umfang des Textes 100 Wörter, verdienst 0,8 Cent pro Wort. Theoretisch hätte ich den Artikel in weniger als 8 Minuten schreiben müssen, um auf einen sinnvollen Stundenlohn zu gelangen. Tatsächlich saß ich mehr als 20 Minuten an den „paar“ Wörtern. Gerade in den unteren Bewertungsstufen ist es fast unmöglich einen lebenswerten Stundenlohn zu erreichen. Hinzu kommt ein sehr überschaubares Auftragsangebot. Gerade Anfänger werden mehr Zeit mit dem Warten auf Aufträge verbringen als mit der Schreibtätigkeit. Wirklich lohnenswert ist der Aufbau einer Stammkundschaft, mit der ein individueller Preis verhandelt werden kann. Doch der Aufbauprozess ist langwierig und die Gefahr der Selbstausbeutung, durch einen zu gering veranschlagten Wortpreis, ist groß.

20.5.14 15:22

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